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Wie es angefangen hat...
Meine Grossmutter starb 1993, hochbetagt, in Thüringen. Ich lebte inzwischen in Toronto, und hatte sie acht
Jahre lang nicht mehr gesehen. Meine Erinnerung an sie war unscharf geworden, und die Nachricht von
ihrem Tod wirkte auf mich fast abstrakt. Beim Aufräumen ihrer Wohnung fanden meine Eltern, in ihrem
Schreibtisch, stapelweise Tonbänder, die sie auf dem alten Grundig-Tonbandgerät, das ebenfalls herumstand,
abspielen konnten. Zu ihrem Erstaunen hörten sie die Stimme meiner Grossmutter, die in stillen Stunden,
nach dem Tode meines Grossvaters, ganz für sich selbst, ihr Leben erzählt hatte, vor allem über ihre
Laufbahn als Künstlerin, ihr Kunststudium im Berlin der Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts.
Manches war bekannt, anderes neu; in jedem Fall, es war nun, da meine Grossmutter gestorben war, sehr
berührend und ungeheuer wertvoll.
In den Jahren darauf überspielte meine Mutter einiges davon auf Kassetten. Eine davon schickte sie mir
nach Kanada. Zu diesem Zeitpunkt waren 10 Jahre vergangen, seitdem ich meine Grossmutter das letzte Mal
gesprochen hatte. Im Moment, als ich die Kassette in das Gerät schob, und ihre Stimme erklang, war meine
Grossmutter anwesend, leibhaftig, in meinem Wohnzimmer, auf einem anderen Kontinent! Und nicht nur das, so
viele Erinnerungen waren mit einem Schlag wieder lebendig, Bilder, Gerüche, Empfindungen. So viel mehr lag
in ihrer Stimme, als der Inhalt dessen, was sie mir erzaehlte. Ein ganzer Teil meines eigenen Lebens wurde
mir wiedergeschenkt!
In diesem Moment entstand der Wunsch in mir, anderen Menschen zu dieser erstaunlichen Erfahrung zu verhelfen –
der des Erzählens und Gehörtwerdens, über die eigene Lebenszeit hinaus, sowie des Hörens auf eine Stimme -
ein Vorgang, der uns nicht nur zu einem vertrauten Menschen neuen Zugang verschaffen kann, sondern
überraschenderweise auch zu unseren eigenen, verschütteten Erinnerungen.
Dorothea Sonstenes:
studierte von 1968-75 Germanistik und Romanistik für Höheres Lehramt (Kiel und Tübingen).
Zu ihren Hauptinteressen zählen Biografie, Literatur und Zeitphänomene der Gegenwart. Während 17 Jahren in Kanada
war sie u.a. als Übersetzerin, sowie in der Hospizarbeit und als persönliche Biografin tätig.
Leif Sonstenes:
studierte Mathematik sowie Marketing und Public Relations. Zu seinen Hauptinteressen zählen Hintergrundsthemen des
Geldes, Sprache im Dienste der Medien (Propaganda) und der Kommunikation (Übersetzbarkeit), Globalisierung, Computertechnik.
Seit 1989 im grenzübergreifenden Wirtschaftswesen beschäftigt.
Leif und Dorothea Sonstenes sind seit 1978 verheiratet, haben drei erwachsene Kinder und
leben seit 2006 in Konstanz.
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